Arbeitszeugnis lesen: was in der Schweiz gilt

In der Schweiz kannst du jederzeit ein Arbeitszeugnis verlangen. Es beschreibt nach Art. 330a OR Art und Dauer deiner Stelle sowie deine Leistung und dein Verhalten. Es muss wahr, wohlwollend und vollständig sein. Versteckte Codes sind nicht zulässig, das Zeugnis liest du trotzdem als Ganzes.

Stand: 7.11.2026 · Von Tobias Schär

Dieser Ratgeber ist eine Orientierung, kein Rechtsrat.

Was sagt das Gesetz?

Art. 330a des Obligationenrechts regelt zwei Varianten:

VarianteInhaltWann
Vollzeugnis (qualifiziertes Zeugnis)Art und Dauer der Stelle, Leistung, VerhaltenStandard, jederzeit verlangbar
Arbeitsbestätigung (einfaches Zeugnis)Nur Art und DauerNur auf deinen ausdrücklichen Wunsch

Du wählst. Die Arbeitsbestätigung kann sinnvoll sein, wenn die Zusammenarbeit schwierig war. Bei Bewerbungen fällt sie aber auf, weil die Beurteilung fehlt.

Was muss in einem Vollzeugnis stehen?

  • Dauer der Anstellung und Funktion
  • Aufgaben, die die Stelle geprägt haben
  • Beurteilung der Leistung
  • Beurteilung des Verhaltens gegenüber Vorgesetzten, Team und Kunden
  • Oft der Austrittsgrund und eine Schlussformel mit Dank und guten Wünschen

Laut WEKA muss das Zeugnis vollständig, wahr, wohlwollend formuliert und typisch für das Arbeitsverhältnis sein. Wenn Wahrheit und Wohlwollen kollidieren, geht die Wahrheit vor.

Gibt es geheime Codes?

Geheimcodes, deren Bedeutung nur eingeweihte Arbeitgeber kennen, sind nicht zulässig. Das Merkblatt der St. Galler Laufbahnberatung sagt: Zwei- und mehrdeutige Formulierungen sind nicht erlaubt. WEKA ergänzt, dass es in der Praxis weniger um Codes geht als darum, ob eine Formulierung zulässig ist.

Trotzdem lohnt sich genaues Lesen, denn auch ohne Code sagt ein Zeugnis viel:

  • Lücken: Fehlt die Beurteilung des Verhaltens gegenüber Vorgesetzten ganz?
  • Gewichtung: Stehen Nebenaufgaben vor der Hauptaufgabe?
  • Schluss: Fehlt der Dank oder das Bedauern über den Austritt?
  • Ton: Wirkt alles knapp und neutral, während andere Zeugnisse warm sind?

Wie lese ich mein Zeugnis Schritt für Schritt?

  1. Stimmen Daten, Funktion und Pensum?
  2. Sind deine wichtigsten Aufgaben genannt, in der richtigen Reihenfolge?
  3. Gibt es eine Beurteilung von Leistung und Verhalten?
  4. Ist der Austrittsgrund korrekt wiedergegeben?
  5. Endet das Zeugnis mit einer positiven Schlussformel?

Diese Fragen stammen sinngemäss aus dem Merkblatt der St. Galler Laufbahnberatung.

Was tue ich bei Fehlern?

  1. Konkret werden: Markiere die Stellen und schreib, was stattdessen stehen sollte.
  2. Belege beilegen: Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen, Mails mit Lob.
  3. Schriftlich und freundlich anfragen, mit einer Frist.
  4. Hilfe holen, wenn das nicht reicht: eine Rechtsberatung, deine Gewerkschaft oder dein Berufsverband.

Lege ich alle Zeugnisse der Bewerbung bei?

In der Schweiz liegen Arbeitszeugnisse der Bewerbung meistens bei, zusammen mit Diplomen. Leg die Zeugnisse der letzten Stellen bei, die für die neue Stelle zählen. Fehlt ein Zeugnis, verlang es jetzt, denn der Anspruch gilt jederzeit.

Wie hilft Jobsi dabei?

Jobsi stellt für jede Stelle ein Dossier im Schweizer Format zusammen, mit Motivationsschreiben, Lebenslauf und dem Hinweis auf Zeugnisse und Beilagen. Lesen und beurteilen musst du dein Zeugnis selbst, oder mit einer Fachperson.

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Von Tobias Schär, Gründer von Jobsi (True North Studios, Uster).

Häufige Fragen

Wann habe ich Anspruch auf ein Arbeitszeugnis?

Jederzeit, nicht erst am Ende der Anstellung. Das steht in Art. 330a Abs. 1 OR. Während der Anstellung heisst es Zwischenzeugnis.

Was ist der Unterschied zwischen Arbeitszeugnis und Arbeitsbestätigung?

Das Vollzeugnis beschreibt Art und Dauer der Stelle sowie Leistung und Verhalten. Die Arbeitsbestätigung nennt nur Art und Dauer, auf deinen ausdrücklichen Wunsch (Art. 330a Abs. 2 OR).

Gibt es in der Schweiz geheime Codes im Arbeitszeugnis?

Versteckte Codes sind nicht zulässig. Formulierungen müssen klar, wahr und vollständig sein. Lies das Zeugnis trotzdem als Ganzes, denn Lücken und Gewichtung sagen viel.

Was tue ich, wenn mein Arbeitszeugnis falsch ist?

Zuerst schriftlich und konkret eine Korrektur verlangen, mit Belegen. Hilft das nicht, berät dich eine Rechtsberatung, deine Gewerkschaft oder dein Berufsverband.

Quellen